Wie behauptet sich um 1800 eine schreibende und publizierende Frau, zumal von ländlicher Herkunft? In der jüngsten Sonderausgabe der Publications of the English Goethe Society gehe ich dieser Frage in einem Aufsatz über die Lyrikerin und Taschenbuchherausgeberin Wilhelmine Müller (1767–1807) nach. – Angestoßen wurde die Veröffentlichung durch das letztjährige Panel »In Her Own Hand: Female Agency around 1800« der Association for German Studies am Trinity College Dublin. Ich danke den Herausgebern Helga Müllneritsch und Dennis Schäfer, ferner Astrid Köhler von der English Goethe Society sowie Martina Wernli für wertvolle Anregungen.
Dieser Aufsatz steht am Beginn einer neuen Auseinandersetzung mit Wilhelmine Müllers Leben und Werk – ich freue mich, bald ein weiteres Projekt hier vorstellen zu dürfen!
Am Samstag, den 21. September, 19 Uhr, eröffnet im Brackenheimer Kunstverein die von mir kuratierte Ausstellung »Lake Views«. Präsentiert werden neue Arbeiten von Susa Reinhardt. Am Abend der Vernissage führe ich in das Werk der Künstlerin ein und werde dabei auch auf die Bedeutung der Landschaft in der Kunst, insbesondere in der Malerei, zu sprechen kommen.
Seit Leon Battista Alberti (1404–1472) wird der Betrachtung von Landschaftsmalerei eine therapeutische Wirkung zugeschrieben – sowohl in psychologischer als auch in physiologischer Hinsicht. Fieberkranken etwa empfahl Alberti, zur Linderung ihrer Beschwerden, das Betrachten gemalter Quellen und Bäche. Reale Natur- und Landschaftserfahrung ersetzend, solle Landschaftsmalerei geistige Reisen ermöglichen, erholungsstiftend und unterhaltend zugleich wirken. Zu imaginären Reisen laden auch Susa Reinhardts Landschaftsbilder ein. Die Stuttgarter Künstlerin greift die lange Tradition der Landschaftsmalerei auf, um sie mit Elementen der Pop Art anzureichern. Reizvoll ist, dass Reinhardt mit ihren Öl- und Acrylbildern die Grenze zwischen Naturwahrnehmung und Kunstprodukt verfließen lässt und uns Betrachter dazu anhält, über Landschaft als Projektionsfläche nachzudenken.
Ich freue mich außerordentlich, am Samstag diese rundum gelungene Ausstellung im Kunstverein Brackenheim zu eröffnen – die Künstlerin wird anwesend sein. Sie/Ihr seid herzlich eingeladen!
Bilder im Beitrag: Susa Reinhardt, Blue Night, 2018, Acryl auf Leinwand, 50 x 70 cm Susa Reinhardt, The Gateway, 2024, Öl auf Leinwand, 70 x 82 cm
Am 24. Juli 1924 wurde in Brackenheim der Maler Bruno Diemer geboren. Nach Kriegsende studierte er an der Stuttgarter Kunstakademie, unter anderem bei Willi Baumeister. Nach dem Studium zog es Diemer nach Frankreich: Von 1952 an lebte und arbeitete er in Paris mit Zwischenaufenthalten in Deutschland. 1962 verunglückte der 37-Jährige tödlich auf der Rückfahrt in die Heimat. Obwohl Bruno Diemer somit nur anderthalb Jahrzehnte künstlerisch tätig war, hinterließ er ein eindrucksvolles Œuvre, das besonders durch seine Porträts und Stillleben besticht.
Der Brackenheimer Kunstverein freut sich, in Kooperation mit der Stadt Brackenheim und der Stadt Bönnigheim nun erstmals eine Auswahl der Arbeiten Diemers in seiner Geburtsstadt zu präsentieren. Als Kuratorin der Gedenkausstellung werde ich in das bewegte Leben und facettenreiche Werk des Künstlers einführen.
Ich lade herzlich ein zur Vernissage am Mittwoch, den 24. Juli 2024, um 19 Uhr im Kunstverein Brackenheim!
In der Graphothek der Stadtbibliothek Stuttgart eröffnet am Donnerstag, den 16. Mai 2024, 18 Uhr, die Ausstellung »von Kanten, Knicken und Knoten« – eine Werkschau vonMelanie Grocki. Ich werde in die Zeichnungen der Künstlerin, die 2023 bereits im Kunstverein Brackenheim ausgestellt hat, einführen.
Melanie Grocki und ich freuen uns über Euer Kommen!
Stadtbibliothek am Mailänder Platz Graphothek Mailänder Platz 1 70173 Stuttgart
Den Anstoß, mich eingehender mit Fluxus zu befassen, insbesondere in das Leben und Werk von George Maciunas, dem Initiator dieser Kunstbewegung, einzutauchen, gab meine Studie zum Künstlerdrama Christoph Schlingensiefs (1960–2010). Wie später Schlingensief, so ver- und bearbeitete auch Maciunas (1931–1978) sein Krank- und Versehrtsein radikal künstlerisch. Beide waren sie Künstlerpersönlichkeiten, die selbst schwer erkrankt nicht zur Ruhe kamen, nicht zur Ruhe kommen wollten (und konnten): todernste ›Quatschmacher‹, die nach dem Prinzip »Kunst = Leben« alles und jeden, auch das eigene, fragile Selbst, obsessiv zur Schau und zur Disposition stellten. Dabei waren sie beide – der katholisch sozialisierte Schlingensief mehr noch als der Marxist Maciunas – vom Zeremoniellen fasziniert, das sie in ihre Performance- und Theaterarbeiten einzuspeisen suchten.
Für das Online-Portal von Communio – Internationale Katholische Zeitschrift habe ich über Maciunas und die von ihm im Februar 1970 an der Rutgers University inszenierte »Flux Mass« geschrieben: ein Kunstevent zwischen Messparodie und Vaudeville, Blasphemie und Größenwahn. Zum Artikel geht es hier.
Die Sehnsucht nach dem Rituellen ließ George Maciunas nicht los. Wenige Monate vor seinem Tod – er war zu Beginn des Jahres 1978 an Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt – feierte er mit der Dichterin Billie Hutching eine legendäre »Flux Wedding« Am 13. Mai 1978 starb der Künstler. Auf seinen Wunsch hin veranstalteten die Freunde eine ihm gewidmete »Flux Funeral«. Es gehört zu Maciunas’ Widersprüchlichkeiten, dass er jede Form von Überhöhung in der Kunst wie in der Gesellschaft ablehnte, mit Fluxus zugleich aber eine Kunstbewegung ins Leben rief, die parareligiöse, ja kulthafte Züge annahm.
Am Samstag, den 20. April 2024, eröffnete die Ausstellung »Zur Sache« von Vito Pace im Kunstverein Brackenheim. Die von mir kuratierte Werkschau versammelte Arbeiten aus diversen Werkserien des Künstlers, darunter neuste Arbeiten, die sich ortsspezifisch mit dem Brackenheimer Ausstellungsraum auseinandersetzen.
Das alle Werkgruppen und Schaffensperioden verbindende Element ist Paces Faible für das Modell. Der erste, skizzenhafte, plastische Entwurf einer Skulptur – im Italienischen bozzetto genannt – erfuhr eine in der Zeit der Renaissance einsetzende Aufwertung: Im 16. Jahrhundert wurde die vom Künstler geschaute Idee des Kunstwerks zum eigentlichen Kunstwerk nobilitiert, wodurch Zeichnung und Modell den Rang eines selbstständigen Werks erhielten. Ebendiesen Status haben die im Kunstverein ausgestellten Modelle Vito Paces inne, der an der Hochschule Pforzheim als Professor für Bildhauerei tätig ist.
So war in Brackenheim etwa das Miniaturmodell seines Betrachtungsapparats zu sehen. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das Pace an verschiedenen Orten, unter anderem in Berlin, erprobt hat. Die Holzapparatur lässt einerseits an Albrecht Dürers Perspektivmaschine denken, andererseits an eine Camera obscura. Im großen Maßstab realisiert – nämlich in einer Länge von zwei Metern –, hat Vito Pace sie als Sehinstrument und Zeichenhilfe eingesetzt, um den Blick aus seinem Berliner Atelierfenster in Zeichnungen und Acrylbildern festzuhalten. Darüber hinaus unternahm der Künstler mit der Betrachtungsmaschine eine Exkursion zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Dort und auf dem Weg dorthin fertigte er mehrere Bilder. Auf diesen, so fällt auf, blendet Vito Pace die Präsenz seines Sehinstruments nicht aus, sondern bildet Teile des Holzkastens, gleichsam als rahmendes Element, mit ab. Die Wahrnehmung und ihre Ausschnitthaftigkeit, die vorgegebene Blickführung selbst werden so zum Thema seiner Zeichnungen und Leinwandbilder.
Vito Paces Werkinstallation lädt dazu ein, sich auf das Potential visueller Modelle einzulassen, Vorbilder, Abbilder und Nachbilder zu entdecken und Querverweisen zu folgen. Zugleich lässt Pace mit seinen Plastiken, Skulpturen und Bildern geistige Räume entstehen, die – manchmal durchaus verrätselt-myteriös oder mit privatmythologischen Zitaten aufgeladen – den Versuch unternehmen, »der großen Unordnung die eigene Ordnung gegenüberzusetzen« (Harald Szeemann).
Der Künstler und die Kuratorin – aufgenommen durch das Miniaturmodell des Betrachtungsapparats
Nachdem ich im Stuttgarter Staatstheater Wann kann ich endlich in den Supermarkt gehen und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen gesehen hatte, verließ ich das Schauspielhaus verändert. Das war 2006, ich war also 15 Jahre alt. Noch zwei weitere Male würde ich in dieses Stück gehen, meinen ›ersten Pollesch‹: So begeistert war ich von der Begeisterung der Schauspielerinnen und Schauspieler – Silja Bächli, Christian Brey, Katja Bürkle und Bijan Zamani –, so überfordert und hingerissen von Text und Musik und von der Live-Übertragung aus dem auf der Bühne aufgestellten fensterlosen Holzschuppen, in den die Darsteller minutenlang verschwanden und dabei von einem Kameramann gefilmt wurden. Nach dem Stück ging ich also mit großen Augen aus dem Theater, auf die Straße – und sah plötzlich auch sie als die Bühne, die sie ist, und die hektischen Passanten und grölenden Gestalten auf der Königstraße als Darsteller einer großen Pollesch-Inszenierung. In meinem Kopf rumorten Satzfragmente aus dem Stück, das tun sie noch heute.
Vom 7. bis 9. März 2024 findet die 32nd Annual Berkeley Interdisciplinary German Studies Conference zum Thema »Beauty & Artifice« statt! Mein Impulsvortrag am Freitag, den 8. März (dem Internationalen Frauentag!) beleuchtet das Künstlerinnenselbstbildnis vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart – entlang ausgewählter Selbstporträts von Angelika Kauffmann, Paula Modersohn-Becker, Valie Export und Luca Mercedes Braig.
Im Selbstporträt positionieren sich die Künstlerinnen, oszillierend zwischen Anpassung und Rebellion, gegenüber dem ›männlichen Blick‹ und den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen, die mit normierten Vorstellungen von Schönheit einhergehen. Vor diesem Hintergrund werde ich in meinem Impulsvortrag der Frage nachgehen, wie sich die weibliche Auseinandersetzung mit und das ›Herstellen‹ von Schönheit – am eigenen Selbst(bild) – zeitspezifisch gestaltet.
Das Konferenzprogramm und Informationen zur Zoom-Registrierung und Teilnahme finden sich hier und hier.
Am 2. Dezember 2023 eröffneten wir im Kunstverein Brackenheim die letzte von mir kuratierte Ausstellung in diesem Jahr: Ich bin eine einsame Insel mit wundbaren Arbeiten von Luca Mercedes Braig. Ich nahm die Gelegenheit wahr, an Braigs Selbstporträts entlang – zu sehen war eine Serie von 102 Zeichnungen – über die Geschichte des Künstlerinnenselbstbildnis nachzudenken.
Braigs eigenwilligen Text-Bild-Kombinationen, mit der die junge Künstlerin die jahrhundertalte Tradition des Selbstbildnis fortführt, eignet zugleich ein dekonstruktivistischer Ansatz, insofern sie – mit Jean Baudrillard gesprochen – »Ich-Vielheiten« und ein fragmentiertes Subjekt in Szene setzen. Im Zentrum von Braigs Arbeit steht die Kritik an konventionellen Schönheitsvorstellungen und Standards. Während Foto- und Social-Media-Apps uns heutzutage Filter nahelegen, die unser Gesicht weichzeichnen und unseren Körper ›verschönern‹ sollen, verbirgt Luca Mercedes Braig die vermeintlichen Makel ihres Körpers nicht, sondern stellt sie in ihren Zeichnungen, manchmal fast karikaturhaft, aus. Indem sie Selbstporträts schafft, die eben nicht gefällig sein wollen, durchkreuzt sie den gesellschaftlichen Druck der Selbstoptimierung.
Braigs visuelles Tagebuch, zwischen Inszenierung und Selbstbefragung, lud die Besucher des Kunstvereins dazu ein, über ihr eigenes Selbstbild nachzudenken. Sehr habe ich mich wieder über den Besuch der Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Schule gefreut, die – diesmal auch in Anwesenheit der Künstlerin – gemeinsam über die ausgestellten Arbeiten diskutierten. Die Resonanz auf Braigs Einzelausstellung war durchweg positiv. Selten haben sich die Besucherinnen und Besucher des Brackenheimer Kunstvereins, über die Generationen hinweg, so berührt gezeigt!